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Eisfeld - Stadt an der Grenze

Die Stadt Eisfeld und die Grenze (1945- 1989)

 

 

Am 11. April 1945 endete auch in Eisfeld das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus.
Die Stadt wird von Truppen der Vereinigten Staaten von Amerika eingenommen. Noch Stunden vorher wurden 11 Häuser der Innenstadt durch Artilleriebeschuss völlig zerstört und veränderten das Bild der Stadt für immer. Wenige Wochen später, am 3. Juli, ist Thüringen und damit auch Eisfeld von sowjetischen Truppen besetzt.

Eisfeld gerät von einer jahrhundertelangen Mittellage in eine Randlage, denn im benachbarten Coburg verbleiben die Amerikaner. Dennoch geben die vergleichbaren Schwierigkeiten des Alltags nach der Katastrophe in den verschiedenen Besatzungszonen und die noch große Transparenz der Zonengrenzen keinen Anlass zur Befürchtung, dass Deutschland auf Dauer geteilt sein würde. Das ändert sich bald. Während in Coburg zunehmend Kriegsgefangene nach Hause kommen, werden aus Eisfeld junge Menschen unter Werwolf-Verdacht zusätzlich zu den Kriegsgefangenen in die Bergwerke des Ural verschleppt. Als Zwischenstation dient das als Speziallager 11 fortgeführte Konzentrationslager Buchenwald. Heute erinnert eine Gedenktafel im  Eisfelder Schlosses an diese Menschen und Ihre Schicksale.

In Eisfeld bilden sich Ortsgruppen von SPD, CDU, KPD, LDPD. Doch auch hier unterschieden sich die westlichen und östlichen Besatzungszonen voneinander.
Während in den drei westlichen Besatzungszonen demokratische Parteien eine echte Chance bekommen, wird der Demokratisierungsprozess in der sowjetischen Besatzungszone von Moskau in kommunistisches Fahrwasser gelenkt. Die durch Vereinigung von SPD und KPD entstandene SED wird zur „führenden Partei“.

Aufkommende Angst vor Verfolgung und wachsendes Misstrauen führen in vielen Familien auch in Eisfeld zu den Themen wie auch Flucht. Langsam tritt in das Bewusstsein der Menschen die Tatsache, dass fünf Kilometer vor der Haustür eine sich immer dichter schließende Grenze verläuft. Bekannte, Verwandte und Freunde verschwinden über diese Grenze. Die Fluchtfrage wird zum Dauerthema in vielen Familien.

Einen ersten traurigen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung mit der „Aktion Ungeziefer“ in der Nacht vom 4. zum 5. Juli 1952. Politisch unliebsame Bürger Eisfelds und ihre Familien werden mit Sack und Pack innerhalb von zwei Stunden auf Lastkraftwagen verladen und in den Kreis Arnstadt ausgesiedelt.

Inzwischen sind 1949 zwei deutsche Staaten entstanden.

Wir leben in Eisfeld in der besonders schizophrenen Situation, dass einerseits Coburg für uns „Ausland“ ist und andererseits die Coburger Straße „Straße zur Einheit“ heißt. Als Konrad Adenauer Freiheit und Westbindung der Westzonen einer von Moskau angebotenen Einheit in Neutralität vorzieht, ist diese Situation für die Bewohner eines innerdeutschen Grenzortes wie Eisfeld schwer zu verkraften.

 

 

 

Die erste große Erhebung im Herrschaftsgebiet der Sowjetunion war der Aufstand vom 17.Juni 1953 an über 700 Orten in der DDR, der wirtschaftliche Verbesserungen, freie Wahlen und die Wiedervereinigung Deutschlands forderte. Obwohl sowjetische Truppen den Volksaufstand sofort niederschlugen, brach der gesellschaftliche Widerstand zahlreicher Gruppen gegen die SED-Diktatur nicht ab.

Moskau versucht, besonders angesichts der politischen Eruptionen 1953 in Berlin und 1956 in Budapest, das System der DDR zu stabilisieren. Auch in Eisfeld geht es voran: eine Landambulanz wird gebaut, das städtische Krankenhaus erweitert, eine Kinderkrippe und die AWG-Wohnsiedlung errichtet. Auf der Basis von Volkseigentum, welches allerdings mehrere Enteignungsschübe voraussetzt, profiliert sich Eisfeld zu einem der größten Industriestandorte des Kreises Hildburghausen. Flagschiff wird VEB Carl Zeiss Jena, Werke 1 bis V Eisfeld. Eine gute Entwicklung nehmen VEB Ankermechanik, VEB Feintechnik und VEB Porzellanwerke Kloster Veilsdorf, Werk Eisfeld.
Nach Überführung verschiedener Bereiche in volks- und genossenschaftliches Eigentum steigt die Zahl der Republikflüchtigen. Nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 entwickelten sich neue Formen der Opposition: Aus den Milieus von Wehrdienstverweigerern, jugendlichen Subkulturen, kritischen Künstlern und Intellektuellen entwickelten sich ab Ende der 70er Jahre die oppositionellen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegungen. Sie operierten vorwiegend in den evangelischen Kirchen und waren ethischen Prinzipien des Protestantismus geprägt.
 

1961 schließt die DDR mit dem Mauerbau die Grenzen. Eisfeld wird bis 1972 Teil des 5-km-Sperrgebietes und damit endgültig seiner Umlandfunktion beraubt. Zehn Jahre politische Eiszeit kommen über die Stadt. Im Oktober 1961 werden – wie schon 1952 – erneut sieben Familien zwangsausgesiedelt („Aktion Kornblume“).

 

 

 

 

 

Das tägliche Leben militarisiert sich zusehends. Die Landwirtschaft wird endgültig zwangskollektiviert. Man spürt den härteren Zugriff des Ministeriums für Staatssicherheit; der heute mögliche Einblick in die Akten offenbart tiefe Abgründe. In dieser Atmosphäre wird der Aufbau des „Realsozialismus“ in der DDR vorangetrieben.

Nach Klärung der Fronten im Inneren bemüht sich die DDR um internationale Anerkennung. Die Westgrenze wird transparenter, daran partizipiert auch Eisfeld.

1973 entsteht zwischen Rottenbach und Eisfeld ein kleiner Grenzübergang; die Stadt wird aus dem 5-Kilometer-Sperrgebiet herausgenommen. Eisfeld wird endlich auch wieder an den Fremdenverkehr angeschlossen, der sich im Umfeld bereits etabliert hat.

 

Der Grenzübergang Eisfeld. (Luftbildaufnahme BGS)

 

Die Grenzübergangstelle Rottenbach (Luftbildaufnahme BGS)

 

Die Stadt entwickelt sich weiter: 1975 entsteht eine Kaufhalle, 1977 ein Sportlerheim und ein Sportplatz, 1985 wird der Neubau der heutigen Eisfelder Grundschule fertig und 1986 die Steudacher Kinderkombination aus Kinderkrippe und Kindergarten. Die Rentnerreisen in Richtung Coburg beginnen. Manche Großeltern werden sich wehmütig an ihre Schlüsselrolle in den Familien erinnern, als sie zu Botschaftern zwischen den Welten wurden.

In den 80er Jahren konnten die Netzwerke der Opposition schließlich nicht mehr durch Repressionen der Staatssicherheit verhindert werden. Teilweise engagierten sie sich auch gemeinsam mit Ausreiseantragstellern. Inhaltlich wirkten die oppositionellen Bewegungen Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns stark auf die DDR-Opposition ein. Im Mai 1989 wurden die öffentlichen Aktionen der Oppositionen gegen die Wahlfälschung zu einer ernsthaften Herausforderung für die SED-Herrschaft.

 

 

Erich Honecker prognostiziert im Jahr 1987 die Standfestigkeit der Berliner Mauer auf mindestens noch 100 Jahre. Er erkennt nicht die Zeichen der Zeit, die sich  z.B. auch in Eisfeld im Jahr 1988 durch 32 Ausreiseentschlossene Kirchenasylanten andeuten.

 

Als im Sommer 1989 eine Massenflucht von DDR-Bürgern über ostmitteleuropäische Länder in den Westen einsetzte, spitzte sich die Krise zu. Gleichzeitig formierte sich die Opposition in den Bürgerbewegungen „Neues Forum“, „Demokratie Jetzt“, „Vereinte Linke“ sowie im „Demokratischen Aufbruch“ und der „Sozialdemokratischen Partei“. Einige dieser Gruppen vertraten zivilgesellschaftliche Ansätze, andere strebten eine parlamentarische Demokratie an.

Im Herbst 1989 entwickelten sich ausgehend von Friedensgebeten in zahlreichen Kirchen des ganzen Landes mächtige Demonstrationen, gegen die die Staatsmacht zunächst in vielen Städten mit brutaler Gewalt vorging. Um politisch handlungsfähig zu bleiben, versuchte die SED die Bewegung zu kanalisieren, indem sie einen Dialog und Reformen versprach. Durch das gemeinsame Handeln von Ausreiseantragstellern, Bürgerbewegung und Demonstranten wurde jedoch eine politische Kraft freigesetzt, die die SED nicht mehr eindämmen konnte:

Am 9. November 1989 erzwangen hunderttausende Demonstranten die Öffnung der Berliner Mauer und ab Anfang Dezember wurden „Runde Tische“ auf allen politischen Ebenen im ganzen Land eingesetzt, um freie Wahlen vorzubereiten. Bürgerkomitees besetzten die Dienststellen des Staatssicherheitsdienstes. Die Bevölkerung demonstrierte noch bis in das Frühjahr 1990 hinein, um die eingeleiteten Reformen zu sichern.

 

Der Grenzübergang Eisfeld.

Nach der Ratifizierung des Einigungsvertrages durch den Bundestag und die Volkskammer folgte die Wiedervereinigung Deutschlands am 3.Oktober 1990.

 

Die Menschen in der DDR haben das Experiment „Sozialismus“ nicht angenommen. Mit dem Wegfall der sowjetischen Unterstützung bricht das Regime wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Am 9. November 1989 öffnet sich ohne Gewalt die Mauer, zwischen Eisfeld und Rottenbach die Grenze. „Wahnsinn“ war das Wort des Jahres. Eisfeld wird vom Rand wieder in die Mitte Deutschlands gerückt, manchen Ortes sind die Spuren der einstigen Spaltung und der Grenze bis heute noch sichtbar!

 

„Wo einstmals eine Grenze stand,
webt die Natur ein lieblich Band
von zarter rosaroter Heide.
Für Herz und Sinn ´ne Augenweide.
Frisch fröhlich pflückt man einen Strauß.
Und räumt die Gedanken aus.
Und breitet einen Schleier weit
um die vergangne schwere Zeit.
Wir woll´n uns nun des Lebens freun.
Und Heide auf die Wege streun.“

 

( Aus: Erinnerungen einer 82-jährigen Eisfelderin –

10 Jahre Grenzöffnung vom 2.9.99 – E.M. )

 

 ® Textauszüge aus: Festgabe der Stadt Eisfeld zur 1200 Jahrfeier - Dr. Michael Krapp; „Die demokratischen Revolutionen in Osteuropa 1989 bis 1991“ Hrsg. Stiftung Ettersberg, Weimar und dem Verein „Freunde von Kirche und Schloss zu Eisfeld“ e.V. – Hefte „eisfelder zeit“, Nr. 10.  

 

Digitalisierte Objekte des

Eisfelder Museums

Museen

Museumsverband Thüringen
Museumsverband


Deutsche Stiftung Denkmalschutz



Freistaat Thüringen

 

Staatskanzlei

 


Thüringer Porzellanausstellung
im Museum Eisfeld
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Tasse Kloster Veilsdorf

 

 
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Objekt des Monats
 

 

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Hereinschauen lohnt sich!

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Eisfelder Persönlichkeiten
 

www.museum-eisfeld.de/seite/325944/eisfelder-personen.html