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Murmeln - Historisches

Historisches: Eine runde Sache - auf den Spuren der Murmel
 

Murmeln gehören zu den ältesten Kinderspielen. Wenn man Kinder heute fragt, was Murmeln sind, wissen viele mit diesem Begriff gar nichts mehr anzufangen.  Kleine bunte Kugeln aus Glas, Stein oder Ton waren einst ein beliebtes und billiges Spielzeug. Sind sie aus der Mode gekommen? Ernüchternd muss man feststellen: Ja. Denn dem heutigen veränderten Spielbetrieb von Kindern, gegen Nintendo oder Smartphone können sie nicht standhalten.  In der Mozartkugel steckt weit mehr, als man beim ersten Biss vermutet. Zwar stellt sich beim Genuss dieser Praline die Frage nach den Inhaltsstoffen (Marzipan?), doch viel mehr interessiert: Warum eigentlich in Kugelform?  Die Form verweist auf ein anderes Exportgut der Salzburger und Berchtesgadener Gegend, nämlich die Marmormurmeln, für die der Landstrich vor der Mitte des 18. Jahrhunderts berühmt war.

 

Die Salzburger Märbel (=Murmeln) galten als besonders schön und wurden von Händlern europaweit als Spielzeug angeboten. Wahrscheinlich hatte auch der junge Amadeus auf seinen Reisen immer ein Säckchen zum Klickern dabei. Die Salzburger hüteten ihr Geheimnis wohl, wie sie es fertigbrachten, solch perfekt runden Murmeln herzustellen. Doch als 1732 über dreißigtausend Salzburger Protestanten, darunter auch Märbelhersteller, wegen ihrer Religion vertrieben wurden und viele davon gen Norden, ins - zumindest in Glaubensfragen - tolerante Preußen zogen, nahmen sie das Geheimnis mit. Unterwegs kamen sie auch in Thüringen vorbei, wo sie gastfreundlich aufgenommen wurden. Die Thüringer kannten die Salzburger Murmeln, und man wird sich unterhalten haben über Produktionstechniken und Möglichkeiten des Aufbaus einer lokalen Industrie. Nachweislich geblieben ist keiner der Flüchtlinge; doch werden sich erste Ideen damals in den Köpfen der Thüringer eingenistet haben.

 

 

Auf der ganzen Welt sind die Spielkugeln heute noch bekannt. Anderswo hießen die Kugeln Murmeln oder Marmeln, Kuller oder Klicker, Schisser oder Pascher. In unserer Region tragen sie den Namen Märbel und Murmel. Zwischen der Schalkauer Platte, Eisfeld und dem Sonneberger Vorland am südlichen Rand des Thüringer Wald bis in das Coburger Land hinein war dieser Handwerkszweig beheimatet. Die Frage nach dem Erfinder, lässt sich heute nicht mehr eindeutig beantworten. So stritten sich am Märbelhorizont seit dem Anfang ihrer Produktion vier Personen aus Sonneberg: der Zimmermann Johann Andreas Brückner aus Steinach, der Amtssekretär Johann Bernhardt Trinks, der Steinschneider Johann Friedrich Porzel sowie der Drechsler Christoph Gottlieb Müller. Am 29. November 1764 gewährt die Herzogin von Meiningen dem Sonneberger Kaufmann Georg Michael Bischof eine „Konzession exclusive“ für die Manufaktur von Schussern und Farbreibsteinen. Die geplante Mühle wurde aber nie gebaut. Am 25. Februar 1769 erhielt Johann Bernhardt Trinks, die Konzession zum Aufsuchen der Steine und der Erbauung einer Mühle. Die geologische Beschaffenheit der Region war die Grundlage für die Entwicklung der Murmelherstellung, die sich zum Ende des 18. Jahrhunderts herausbildete. Für die Produktion der Murmeln wurde ausschließlich heimische Kalksteine verarbeitet.

 

 

Murmeln

 

 

Es entstanden die ersten Mühlen in den Ämtern Neuhaus, Sonneberg und Schalkau. In Steinbrüchen wurde das Material Kalkstein gebrochen und von den Märbelpickern, die zu den ärmsten der Bevölkerung gehörten, mit einem Spitzhammer zu Steinwürfeln verarbeitet. Meist waren auch Kinder beschäftigt, die einen kargen Lohn erhielten. Der Picker buckelte seine Säcke mit dem begehrten Rohstoff zu den Märbel- oder Murmelmühlen, an die er meist durch mündliche Absprache gebunden war. Die Würfel wurden in der Mühle im Mahl- oder Kollergang zu Kugeln geschliffen und gerundet. Ein Wasserrad trieb durch ein Kammrad den Märbelgang an. Auf einer gußeisernen Platte, die mit Laufrillen versehen war und durch einen Buchholzklotz beschwert, erfolgte durch Zugabe von Sand und Wasser der etwa einstündige Schleif- oder Mahlvorgang. Anschließend wurden die Kugeln gesiebt, gewaschen sortiert, im Polierfaß gefärbt, gezählt und schließlich verpackt. Eine Tagesproduktion konnte schon bei etwa 200.000 Murmeln liegen.

 

Seine Blütezeit erfuhr die Murmelherstellung im 19. Jahrhundert. So existierten und produzierten im Jahr 1870 im Südthüringer-Coburger Gebiet 54 Mühlen. Sie verteilten sich: Seinachtal 4, Rödental 1, Effeldertal 19, Itztal 7, Grümpental 5, Truckenthaler Wasser 2, Lautertal 3 und zusätzlich im Werratal 11 Murmelmühlen. Nach 1870 entstanden bis um 1900 alleine 33 neue Mühlen. Der Aufschwung der Murmelherstellung brachte einen Bedarf an Pickern mit sich. So arbeiteten um 1880 in dieser Region etwa 700 Picker. Die Erzeugnisse wanderten in alle Erdteile und Millionen von Kindern kannten diese runde Sache mit einfachen Spielregeln. Zu ihren Bestzeiten, etwa im Jahr 1880, exportierten die Thüringer Märbelmühlen 135 Millionen Murmeln in die ganze Welt. Die Thüringer Murmel wurde zum Weltexportschlager . Absatzmärkte fanden sich rund um den Erdball. In Thüringen trafen Bestellungen aus Valparaiso, aus Afrika und aus Indien ein: "Mermel, Schusser oder Schnelkäulchen sind marmorne Kügelchen, womit gespielt wird, welche aber in Ost- und Westindien sehr viele Liebhaber haben müssen, da die Holl- und Engländer jährlich viele Millionen brauchen." Es waren allerdings keine Liebhaber, die sich die Murmeln bestellten. Die Märbel wurden zwar über London und Rotterdam nach Indien und Indonesien verschifft, aber wie und ob sie dort zum Einsatz kamen, ist fraglich. Ihr Verdienst lag einzig in der Tatsache, dass die Handelsschiffe der East- und Westindian Company auf ihrer Fahrt nach Osten weniger schwer beladen waren als auf der Rückfahrt. Es galt, Platz zu haben, um Gewürze und Stoffe einzukaufen. Um dieses Defizit - hin leer, zurück voll - auszugleichen, belastete man den Kiel der Schiffe mit den One-way-Murmeln. Diese waren bequem in Säcke gepackt, hatten ein relativ hohes Eigengewicht und nahmen nur wenig Raum ein. Ob die legendären Tauschgeschäfte mit den "edlen Wilden", Murmeln gegen Elfenbein oder Sklaven, auch damit zusammenhängen, bleibt Vermutung, würde aber erklären, wie man überhaupt auf die Idee kam, so viele Murmeln mitzunehmen.

 

 

Die kleinen Kugeln waren nicht nur ein begehrtes Spielzeug, sondern die billigen Steinmurmeln waren da schon lange den Kinderhänden entwachsen und wurden für die Verteidigung im Seekrieg eingesetzt: Als sogenannte Kartätschen, als Geschoss, zerfetzten sie die Takelage von Schiffen, bis die Einführung von segelfreien Dampfschiffen diesem Tun ein Ende setzte. Aber auch für Pistolen und Gewehr wurden die Steinkugeln verwendet. Doch bis die Thüringer Murmel zu einem solchen Weltexportschlager werden konnte, mussten dringend einige Fragen geklärt werden. Welcher Rohstoff eignete sich, und welches Verfahren sollte man anwenden?Was die erste Frage betraf: Marmor, wie in Salzburg oder Berchtesgaden, gab es keinen. Es gab aber Muschelkalkstein, und nach vielen Versuchen wusste man auch, aus welchen Gesteinsschichten er sich am besten eignete: Denn war er zu hart, beschädigte er die Mühle; war er zu weich, gab es zu viel Ausschuss. Zum Abbau des Gesteins setzte man Tagelöhner ein. Diese mussten, wenn nötig, auch Stollen graben, um an den Stein zu gelangen. Und das konnte lebensgefährlich werden. "Mehr Glück hatte da der Michel aus Hämmern im vorigen Jahr.

 

Dieser stak den ganzen Tag mit dem Unterkörper unter einer Märbelplatte. Zehn Stunden arbeiteten die Steinhacker an seiner Rettung. Endlich brachten sie den Verunglückten lebend, doch gedrückt und gequetscht heraus und schafften ihn in einem Backtrog in sein Haus."  Die ganze Familie half mit, den Stein aus dem Stollen zu schaffen und in kleinen Holzhütten zu lagern. Auf gepachteten Wiesen standen solche "Indianerdörfer", wie die Ansammlung dieser Lager im Volksmund genannt wurde. Der frisch geschlagene Stein musste sorgfältig abgedeckt werden; wurde er zu kalt oder zu trocken, zerbröckelte er schnell. Im nächsten Schritt mussten aus dem Stein kleine gleichmäßige Würfel geklopft werden, die dann, um das Zählen zu vereinfachen, in eine Kiste von vorbestimmter Größe gepackt wurden. Ein geübter Märbelpicker schaffte neuntausend bis zehntausend Würfel an einem Tag, wobei der "Altmeister der Zunft Emil Bätz aus Truckenthal erzählte, wie er bei einem Wettstreit in Frankreich in 40 Stunden 50.000 Märbel geklopft habe und trotzdem nur Zweiter wurde".

 

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts setzten sich mehr und mehr die billiger zu produzierende Ton- und Glasmärbeln durch. Die alten Mühlräder der Märbelmühlen im Südlichen Thüringer Wald drehten sich mancherorts noch bis in die 50er Jahre. Heute existieren diese Mühlen mit ihrer traditionellen Märbelherstellung in der Region nicht mehr. Teile der Produktion sind nur noch im Museum zu bestaunen. Heute ist dieses Wissen zugänglich, weil sich 3 Museen im Südthüringischen und Coburger Land diesem Thema noch in ihren Ausstellungen widmen: die Vogels-Steinmärbelmühle von 1861 im Eisfelder Museum, die Löhnerts-Mühle aus Eisfeld im Naturkundemuseum in Coburg und die Tonmärbelmühle des Privatmannes Axel Trümper in Sachsenbrunn. Das Geschäft mit den Märbeln war kein stetes, und es war vor allen Dingen ein Pfenniggeschäft. In Kriegszeiten wurden viele Murmeln gekauft, in Friedenszeiten nur wenige. Es gab fette Müller, die später fast verhungerten, und es gab Tagelöhner, die so wenig verdienten, dass sie aufhörten, Würfel zu spalten und abzuliefern. Dennoch: In den guten Zeiten hatte sich schnell herumgesprochen, dass man aus Kalkstein Gewinn schlagen konnte. Man begann auch in anderen Gegenden, in denen Muschelkalkstein gefunden wurde, wie im Elsass, Märbelmühlen zu bauen und Thüringer Märbelpicker anzuheuern. Allerdings blieben die Thüringer Mühlen bis zum Ende dieses Industriezweigs die bekanntesten und produktivsten. Heute wird davon nur mehr gemurmelt.

 

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